New York Marathon – vom Sofa zum Marathon

New York Marathon – vom Sofa zum Marathon

Es ist der 5. November 2017 und ich, die weder dem Laufen auch nur irgendetwas abgewinnen kann noch regelmäßig Fernsehen guckt, sehe live, wie die US Amerikanerin Shalane Flanagan als 1. Amerikanerin seit 1977 den New York Marathon gewinnt -und es steigt ganz plötzlich der Wunsch in mir auf, diesen Marathon in der Stadt, die ich liebe, auch zu laufen. 

Rückblickend weiß ich nicht, warum ich vor dem Fernseher saß, nur, dass ich tatsächlich Ende Januar 2018 begonnen habe, für den New York Marathon zu trainieren. 2019 wollte ich starten -bei fehlender Lauferfahrung und geschweige den Kondition habe ich mir entsprechend knapp 2 Jahre Zeit gegeben. Was habe ich die ersten Monate mich manches Mal verflucht, waren 3km zunächst noch eine echte Herausforderung, waren es dann 5km, dann 10km. Trotzdem, von alleine kommt nichts und nach einem totalen Wintereinbruch nach 6 Wochen lag auch erst einmal das Training brach. 

Dann kam der Megasommer 2018 schon im April, mit den Temperaturen musste ich auch erst einmal klar kommen. So liefen die ersten Monate eher holprig und inkonstant, dass ich mich im Mai 2018 für den HASPA Halbmarathon in Hamburg für April 2019 anmeldetet. Man brauchte Ziele… vor dem ganz großen Ziel. Durch Zufall bin ich wenige Tage vor dem Flensburg-liebt-Dich-Marathon in einer Staffel eingesprungen und wußte danach, dass das ganze Projekt Marathon ein wenig mehr Struktur benötigt, um erfolgreich zu werden. Also gleich für den Halbmarathon beim Kiel.Lauf im September angemeldet, den Trainingsplan in der Nike-App heruntergeladen und dieses fast sklavisch abgearbeitet.

Nachbarschaftshilfe

Einer meiner Nachbarn wurde zu meinem Laufbuddy, das hat das ganze natürlich erleichtert. Ich weiß noch genau, wann es „Klick“ gemacht hat. Es war einer dieser Benchmarks-Run zum Testen der Leistungsfähigkeit -7min Einlaufen, 3min Fullspeed, 5min Auslaufen. Die Beine wollten nach 2min nicht mehr, der Kopf hat gesiegt. Dieses Gefühl war der Wendepunkt, Laufen wurde zu einer Passion. Die Monate zogen dahin, genauso wie die Kilometer, April 2019 wurde ich Teil des Team Voss TurnSchuheizer  lernte viele Läufer kennen, hörte mir von allen ihre Tipps und Erfahrungen an, suchte die für mich passenden heraus, zwei Erkältungen warfen mich zurück, bis zum großen Tag hatte ich vier Halbmarathons absolviert, diverse Gels und Energydrinks getestet, die Klamotten perfekt auf kalte wie lange Tage getestet. 

Man glaubt ja gar nicht, wo überall Fallstricke lauern… Ich sag nur, Unterwäsche, die bei 20km kein Problem ist, kann es bei 30km sehr wohl werden… Ich las alles, was es zu New York zu lesen kam, macht mich mit der Strecke vertraut, saugte einfach alles auf. Die NYRR informieren einen gezielt und über alles, Runa B. Gundersen auf seiner Website und auch Facebookseite teilt sein ganzen Wissen aus 41. Rennen (!), beantwortet jede Frage.

Wie so viele hatte ich in der Lotterie vom Veranstalter des NY Marathons kein Glück, so dass ich mir meinen Startplatz bei InterAir gekauft habe. 2019 wollte ich unbedingt laufen, darauf trainierte ich hin, also dann eben so. Es gibt einige Anbieter, bei InterAir habe ich mich von Anfang sehr gut beraten und aufgehoben gefühlt und kann sie nur wärmstens empfehlen (unbezahlte Werbung!).

Es ging los

Am 31. Oktober ging es mit einer Freundin von Hamburg über München nach New York. Der Flieger war voll mit Marathonis, aus dem Cockpit gab es sogar eine spezielle Ansprache für uns LäuferNew York ist laut, New York ist wuselig, in New York tobt das Leben und gleichzeitig gibt es so viele persönliche Begegnungen, Orte, die einen vergessen lassen, dass man in einer Millionenmetropole ist.  Und nun war ich hier, um in diesen Strassen meinen allerersten Marathon zu laufen. Bei aller Aufregung war ich dennoch ruhig. Ich fühlte mich gut vorbereitet -physisch wie psychisch, war gesund und fit und war in der Stadt, die ich so liebe, wo vieles so vertraut ist. Vielleicht ein Vorteil.

Wir hatten das RIU Plaza Times Square ausgesucht, dass ich von einem früheren Aufenthalt noch kannte, 1km vom Central Park weg. Wie sich herausstellte, auch ein Hotel, das Marathonreiseveranstalter gebucht hatten, was sich als großer Vorteil herauskristallisierte, denn es sollte am Marathontag ab 5h schon Frühstück geben!

New York war auch vorbereitet. Überall sah man die Werbung, Infos, wie man als Zuschauer wie zu welchem Punkt an der Strecke kommen kann, Bars, die den Marathon übertragen, Bars für das Bier danach, im CentralPark wurden die letzten Arbeiten an der Strecke erledigt -und diverse ShakeOut Runs wurden angeboten. Ich selber habe an einem von JackRabbit, einem tollen Laufladen, am ColumbusCircle teilgenommen. Morgens um 6:30h. So cool! Autogrammstunde mit Emma Coburn (Silber 2019 in Doha über 3000m) und Cory McGee, gemeinsamer Lauf durch den Central Park, anschließend vorab im Laden shoppen (die 20% aus der virtuellen Goodiebag vom Marathon mussten ja genutzt werden) und Goodies von New Balance als Sponsor.

Die Expo

Zurück im Hotel erst einmal Duschen und Frühstücken, dann ging es zur Expo, die Marathon Unterlagen abholen. Gigantisch! Was für Menschenmengen. An den diversen Photopoints habe ich mich nicht angestellt, die Unterlagen hatte ich innerhalb von Minuten, um die richtige Shirtgröße herauszufinden, konnte man Testshirts anprobieren, alles einfach und unkompliziert. Kurz: Perfekt organisiert! Im riesigen Verkaufsareal war es schon voller, die Stände aber (noch) voll und ich habe alles bekommen, was ich mir vorab online ausgesucht hatte. Nein, Post-Marathonkleidung habe ich nicht gekauft, da bin ich abergläubisch 😉

Den restlichen Tag haben wir gemütlich auf der Highline, Chelsea Market und Soho verbracht -man läuft dann doch immer zu viel. Abends haben wir geschlemmt und sind tatsächlich nicht zu spät ins Bett.

Am nächsten Tag ging es früh raus -Sonnenaufgang auf der Brooklyn Bridge. Ein Traum!

Noch ein wenig Sightseehing, wenig Laufen mehr Fahren. Für abends hatten wir im Eataly am FlatIron (zum Glück) einen Tisch reserviert. Statt offizielle Pastaparty haben wir unsere eigene gemacht -es war so lecker!  Die Pasta mit Tomatensauce so einfach wie ich sie haben wollte, keine Zwiebel, kein Knoblauch, kein Gemüse oder Grünzeug. Keine Experimente vor dem Rennen.

Zurück noch den Abfahrtpunkt im Hotel von InterAir um die Ecke gecheckt, sicher ist sicher,  im Hotel wurden die Laufsachen präpariert -kleiner Aufregen: wo ist mein Haargummi???(gut, dass ich zwei dabei hatte, das eigentliche fand sich dann in Kiel bei meiner Freundin Wochen später wieder).

Gute Nacht

Früh ins Bett, den Wecker gestellt, Hotelwecker aktiviert…  Erstaunlicherweise konnte ich gut schlafen, um 5h stand ich mit vielen beim Frühstücksraum an. Zwei Toast mit Erdbeermarmelade -keine Experimente. Andere Mägen scheinen toleranter zu sein: baked beans, Brakartoffeln, Fisch, Fleisch, Salat, Obst, Milchprodukte, Kuchen usw. usf. 

Natürlich war ich zu früh beim Bustreffpunkt, was aber den Vorteil hatte, dass ich andere Reisende von InterAir kennenlernte und so auch meine spätere Laufbegleitung für ca. 40km. Wir stellten fest, dass wir ungefähr die gleichen Vorstellungen hatte, wie wir laufen wollten, dass das Tempo passen dürfte. Wir waren beide alleine und so haben wir nicht nur im Bus, sondern auch in der Wartezone zusammen gesessen.

Bei 3-6°C muss man sich gut einpacken, dass man die Wartezeit nicht frierend übersteht. Ich hatte zusätzlich noch Handwärmer dabei. Toiletten gibt es genug -und viele nette Mitläufer, die einem Toilettenpapier und Desinfektionsgel anbieten, falls man es selber vergessen haben sollte 😉

Die zurückgelassene Kleidung wird seit einigen Jahren gesammelt, es stehen extra Container von Goodwill bereit, sie wird gereinigt, sortiert und an Bedürftige weitergegeben. 2019 waren es 60 Tonnen!

Die Hubschrauber kreisten über uns, die Sicherheitskontrolle am Eingang war professionell und zügig, falls man seinen durchsichtigen Beutel, der einem mit den Startunterlagen ausgehändigt wurde, vergessen hatte, konnte man auf der Strecke vom Bus zur Sicherheitskontrolle einen neuen sich von den Volunteers geben lassen, in der Wartezone gab es  wie jedes Jahr Mützen, heißen Kakao, Tee und Kaffee, wohl auch Bagels und Donuts, natürlich auch Wasser. Toiletten gibt es genug  -und viele nette Mitläufer, die einem Toilettenpapier und Desinfektionsgel anbieten, falls man es selber vergessen haben sollte 😉

Nicht herunterpinkeln

Über Lautsprecher wird man in Englisch, Deutsch, Spanisch und Französisch regelmäßig über alles mögliche informiert, insbesondere wenn ein neues Corral aufgemacht wird. Aber auch, dass es mittlerweile verboten sei und zur Disqualifikation führen kann, wenn man meint, von der Brücke „hinunterpinkeln“ zu müssen. Nicht lachen, ich bin noch gewarnt worden, in der Mitte und nicht am Rand unten zu laufen.  Die Zeit in der Wartezone verging so im Flug, die Stimmung direkt vor dem Start an und auf der Brücke war gigantisch, sie vibrierte quasi, die Sonne schien, 10 Grad. PERFEKTES Laufwetter! 10:15h war mein Start! Es wurde laut rückwärts von 10 hinuntergezählt, dann dröhnte der Kanonenknall, los ging es! Was für ein Gefühl! Die Verranzano Bridge hoch, die Brücke wieder herunter, der Polizeihubschrauber der nah zu uns herabflog und winkte, links rein nach Brooklyn und die Strasse bebte. Brooklyn war der Hammer! Die Strassen von Menschenmassen gesäumt, alt und jung, Musik, Gesang, wie oft hörte ich meinen Namen (der auf dem T-shirt stand), wie viele Hände streckten sich mir entgegen, wie viele habe ich abgeklatscht! Wow! Es war soooo laut, dass es teilweise in den Ohren dröhnte! Dass die New Yorker den Marathon mittragen, Stadtteilfeste machen, hatte ich gewußt, aber dass es SO sein würde, toppte jede Erwartung, jede Vorstellung. Brooklyn hat nach diesen Kilometern einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Von Brooklyn ging es nach Queens, je tiefer wir ins jüdisch-orthodoxen Viertel lieben, desto ruhiger wurde es. Auch das hatte ich gelesen, aber nicht so extrem erwartet. Nach Brooklyn etwas surreal. Über die Queensboro Bridge ging es nach Manhattan -hier waren viele Angehörige, Freunde, Reiseveranstalter an der Strecke und so wurde es wieder lauter, die Strasse wieder breiter – die 1st Avenue war bis zum Horizont zu sehen, auch die vielen Hügel, die es zu laufen galt. Über die Willis Avenue Bridge ging es in die Bronx -und hier standen sie wieder, die Einheimischen, die an der Strasse sich selbst und uns feierten, die uns zwischen den vielen offiziellen Getränkestationen Essen und weitere Getränke entgegenhielten. Nicht anders in Harlem, wo wir gefühlt kaum drin auch schon wieder raus waren. Viel hatte ich von „the last f*cking bridge“ gehört, auch stand wieder jemand mit genau so einem Pappschild auf der Madison Avenue Bridge, aber ich fand sie nicht schlimm, sie war kurz und fast schmerzlos, viel anstrengender fand ich die davor… mit dem langen Anstieg… huuu! Zurück in Manhattan ging es vor dem Guggenheim Museum in den Central Park, noch ein paar Steigungen und Gefälle, die Anzahl der Zuschauer, die jeden anfeuerten, aufmunterten, Getränke und Essen anboten (von Donuts bis Orangenspalten, von Wasser bis Bier alles dabei) schwoll wieder an, am Columbus Circle, wo die Reunion Zone für Angehörige und Läufer ist, wurde es richtig laut, noch einmal rechts zurück in den Central Park und die Ziellinie in Sichtweite, die Erkenntnis glasklar: ich werde es schaffen! 

Wenige Meter später: ICH HABE ES GESCHAFFT! ICH BIN EIN MARATHONER! 

Was für eine Gefühl! Unbeschreiblich!

Sekunden später bot ein unbekannter Mitläufer an, einen Bild von mir mit Zielbogen zu machen-eines der meist geliketen Bilder in meinem Instagram Account.

Ein paar Schritte weiter, der Lohn: die Medaille! Freude und Dankbarkeit, mir steigen Tränen in die Augen! Ich habe es wirklich geschafft!