Ultramarathon alleine laufen – Gendarmstien 2019

Ultramarathon alleine laufen – Gendarmstien 2019

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Gendarmstien 2019

Durch einen Laufkollegen, Matthias heißt er, wurde ich im Jahre 2018 auf dieses Rennen aufmerksam. Ein Traillauf in Dänemark über 58km, der sich entlang der dänischen Küste schlängelt, in Richtung Sonderborg. Start ist im Grenzort Krusa, direkt hinter der deutschen Grenze. Am 15.06.2019 sollt der Lauf stattfinden.

Das Training als Videoreihe auf YouTube

Ich entschied mich also, Anfang März mein Lauftraining überwiegend mit langen Läufen zu spicken. Ein paar Marathons wollte ich im Training absolvieren, um mental und physisch auf diesen Lauf vorbereitet zu sein. Zu meinem Training passte sehr gut, dass wir Termine, die wir mit dem Auto wahrnahmen, nutzen, um mich an irgendeinem Ort „rauszuschmeißen“.
So konnte ich oft mehr als 20km am Stück in fremder Gegend laufen – es war großartig.

Die Wochen vergingen und ich absolvierte in dieser Zeit neben ein paar kürzeren Läufen, sechs Läufe über 30km und drei Marathons. So fühlte ich mich gut gewappnet und ging zuversichtlich in eine Art „tapering“, fuhr also die Kilometer deutlich zurück, um am Tag X frisch am Start zu stehen. Eine Zielzeit setzte ich mir nicht. Ich wollte einfach gut durchkommen und es genießen.

Wochen vor dem Lauf fuhren wir zum „Streckenscouting“ nach Dänemark, um es Christin zu erleichtern, die einzelnen VPs (Verpflegungspunkte) und das Ziel zu finden.

Ich wurde krank

Doch dann kam alles anders. Eine Woche vor dem Lauf bekam ich Husten und Schnupfen und leider ging das nicht nach 3 Tagen weg.
So entschied ich mich, nicht am Renntag nach Dänemark zu fahren und zu starten.
Diese Entscheidung fiel mir nicht leicht. Ich wusste, das meine Laufform derzeit gut ist und diese würde ich nun „verlieren“. Nach zwei Wochen Laufpause wagte ich es wieder, laufen zu gehen – es ging gesundheitlich wieder.
In mir keimte der Wunsch, diese Strecke laufen zu wollen. Auch alleine, wenn es sein muss.

Zusammen mit Christin suchte ich mir ein passendes Datum heraus. Mein Lauf sollte demnach am 17.07.2019 stattfinden. Das war knapp ein Monat nach dem offiziellen Event. Bis dahin lief ich sieben Mal in 14 Tagen, um irgendwie wieder fit zu werden. Ein längerer Lauf (über 30km) war nicht dabei.

Der Tag X

Der Tag war gekommen. Morgens fuhren wir entspannt um 7:30 Uhr an die dänische Grenze. Ein bisschen nervös zog ich mich um, packte meine Sachen und ging noch einmal kurz in mich: „Philipp, jetzt gilt es. Das wird eine mentale Herausforderung. Du bist alleine. Keine Mitläufer. Keine Ablenkung. Nur du und die Schmerzen, die irgendwann mitlaufen werden.“

Der einzige Faktor, der mich wie ein Magnet anzog, war Christin. Alle 20km wartete sie an den offiziellen VPs des Rennens auf mich. Ich musste also 3 Etappen hinter mich bringen, um dann im Ziel anzukommen. Wir gingen zu Startlinie. Platz war genug :D. Wir gaben uns einen Kuss, ich sagte „bis gleich“, drückte auf die Uhr und lief los.

Ich bekam Gänsehaut und musste mich kurz zusammenreißen. Gefühle, die ich sonst nur von einem Zieleinlauf bei einem Marathon kannte. Da der Gendarmstien (deutsch Grenzweg) ein sehr gut markierter Wanderweg ist, war die Navigation kein Problem.

Die ersten Kilometer lief ich durch ein Waldstück Richtung deutsch-dänischer Grenze.
Dort angekommen, berührte ich den Grenzstein, dreht mich um 180 Grad und lief von nun an immer entlang der dänischen Küste.

Was für eine Strecke

Ich fühlte mich gut. Die Strecke war toll. Entlang einer Steilküste über kleine Holzbrücken, durch ein Wohngebiet und wieder am Wasser entlang. Kurz Richtung Hinterland durch Felder, Wiesen und schöne Alleen. Ich traf wenige Wanderer und pendelte mich bei einem Kilometerschnitt von 5:30min/km ein. Es lief gut. Nach 20 Kilometern lief ich Richtung VP1 und sah Christin und den Bus schon von weitem. Die Sonne schien, es war kurz vor 12:00 Uhr. Nach 2h15min hatte ich das erste Teilstück (20km) absolviert.

Ich ließ die Uhr weiterlaufen, verpflegte mich ausreichend und nach circa 10 Minuten startete ich auf die folgende 20km Etappe. Diese sollte es in sich haben. Kurz nach dem VP knallte mein Handy aus dem Laufschritt auf den Boden. Ich hatte Schiss… Puh… Nichts passiert – weiter laufen. Es wurde deutlich wärmer. Meine 1,5l Trinkblase war gefüllt und zusätzlich trug ich noch eine 0,6l Flasche im Rucksack mit. Ich trank oft und viel.

Regelmäßig spritzte ich mir Wasser auf den Kopf und in das Gesicht. Vorbei an kleinen Häfen und schicken Ferienwohnungen am Wasser, lief ich auf endlosen Trampelpfaden durch die heiße dänische Landschaft. Ich traf nun Mountainbiker und Wanderer. Sehr erfreulich waren die öffentlich zugänglichen Wasserstellen und WCs an der Strecke. Teilweise ein simples Rohr, welches aus dem Boden ragt, mit einem Hahn daran. Aufdrehen und es sprudelte kaltes Wasser. Herrlich! Natürlich nutzte ich diese Mini-VPs um mich kurz zu erfrischen und meinen Wasservorrat aufzufüllen. Der Tag sollte noch lang werden.

Steinstrand

Endlose steinige Feldwege und verwinkelte Gassen wechselten sich ab. So richtig langweilig wurde es nie. An Untergründen wurde alles geboten. Als Schuh für diesen Lauf wählte ich den ON Cloudswift.

Laut Beschreibung ein Straßenschuh mit guter Dämpfung. Er lief sich perfekt und trug mich über alles, was kam. Doch dann kam es.
„Strand“, „Steinstrand“, „Felsige Küste“ – wie auch immer man es nennen möchte. „Schotterpiste“ trifft es auch gut. Anfangs versuchte ich auf den Steinen zu laufen. Nach ungefähr 50m entschied ich mich dagegen.

Ich ging dann weiter. Es war mir zu riskant umzuknicken, wegzurutschen oder ähnliches. Muskulär war dies eine große Herausforderung da der Boden sich immer änderte wenn man auftrat.

Bei Kilometer 40 sollte ich den zweiten VP, also Christin, erreichen. Ich freute mich riesig darauf und kämpfte mich marschierend über den Steinstrand entlang der Steilküste.  Die Sonne brannte und von Wind war keine Spur. Eine krasse Hitze. Immer wieder lief ich, um Landzungen herum und hoffe endlich bald Christin zu sehen.

Marathondistanz

Dann war es endlich so weit. Sie lief mir entgegen und ich freute mich riesig, sie zu sehen. Über 20 Minuten lang erfrischte ich mich. Trank und aß ganz gemütlich. Die Uhr lief weiter. War mir aber an dem Punkt schon egal.

40km von 58km waren geschafft. Knapp über 4h mit einem Schnitt von 6:13min/km benötigte ich dafür. Ich fühlte mich immer noch „ok“… wie man sich halt nach 40km so fühlt. Ich lief weiter und ich motivierte mich, dass es ja nur noch 16km sind bis zum Ziel. Ein Klacks dachte ich. Dachte ich. Nach dem überschreiten der Marathonmarke lief ich oberhalb einer Steilküste im Schatten zwischen Bäumen entlang. Rechts der dunkle Wald, links von mir ein Abhang und darunter das helle blaue Wasser. Was für eine geile Strecke.

Nach 800m bemerkte ich, dass ich falsch gelaufen bin. Das tat weh. Es war gerade so herrlich hier. Ich vergaß einfach alles und lief ohne hinzusehen, was die Schilder mir zeigten.

Ich drehte um. Na wenigstens konnte ich die tolle Strecke noch einmal laufen. Rechts der Wald, links das Wasser. Ich bog auf den richtigen Pfad ein und lief durch einen schattigen Wald. Wenigstens Schatten.

Nach 2 Kilometern, nach 40km werden die Kilometer plötzlich so lang, glaubte ich meinen Augen kaum.

Steinstrand. Die offiziellen Wegweiser verwiesen entlang und über die Steine am Wasser. 20m daneben eine gut geteerte Straße. Die Verlockung war groß, nicht über die Steine zu marschieren – doch ich wollte nicht schummeln.

So trottete ich über die Steine und hoffte, nach jeder Landzunge, die ich hinter mir ließ, es würde ein Ende haben. Plötzlich öffnete sich eine Art Fjord, Förde, oder wie auch immer, vor mir. Ich musste demnach landeinwärts laufen, um dem Weg zu folgen.

Rüberschwimmen? Kaltes Wasser? Sandstrand! Juhu! Nach circa 50km lief ich entlang des Wassers, teils im Wasser und sah den Weg vor mir, den ich zu bestreiten hatte. Immer weiter landeinwärts.

Am Badestrand entlang

Die ersten Badegäste auf SUPs sahen mich vom Wasser verdutzt an. Ich schaute verwirrt zurück. Ein feiner Badestrand lag vor mir. Urlauber, Familien badeten und lagen in der Sonne. Ich lief am Wasser entlang und das in voller Laufbekleidung und mit Laufrucksack auf dem Rücken.

Die Blicke waren mir echt egal. Schritt für Schritt. Einfach weiterlaufen. Immer weiter. Doch da! Ein WC! Wasser! Endlich kurz Rast machen. Ich übergoss mich mit allem, was der eiskalte Hahn hergab.

Kurze Krämpfe zuckten durch meine Waden. Bitte nein! Jetzt nicht! Ein kurzer Routencheck verriet mir, ich bin auf der richtigen Route. Nur noch 7km bis zum Ziel. Endlose 7km bis zum Ziel. Boah. So langsam verließen mich die Kräfte. Mit diesem kräftezehrenden Sand/Steinstrand hatte ich nicht gerechnet. Krass. Leicht hügeliges Gelände machten das Laufen nicht einfach. Ich ging ab und zu mal ein Stück. Why not! Hauptsache weiter vorwärts egal, wie schnell! Immer weiter!

Auf den letzten 3km sah ich die Stadt Sonderborg immer näher auf mich zukommen. Oh YEAH! Ich lief. Nicht schnell aber irgendwie. Ich wollte mich zusammenreißen und nicht total abgeschlagen im Ziel ankommen.

Meine Wasservorräte waren leer. Gut so. Gewicht gespart. Haha! Zwischen zwei Häusern biege ich von einem Feldweg auf befestigte Straße. Mein Gott fühlt sich das gut am Fuß an. So sicher, eben und verlässlich.

Zwischen Einfamilienhäusern lief (ok schleppte) ich mich Richtung Hafen. Richtung Ziel. Unter einer Brücke durch konnte ich Christin schon sehen.

Ein paar Tränen hatte ich im Auge, behielt sie aber drin. „Jetzt nicht schwach werden. Die letzten Meter. Christin läuft neben mir.“ PIEP macht die Uhr. Geschafft. Ich lass mich auf den Boden fallen. 6h58min mit einem Schnitt von 7:02min/km. Aus die Maus. 59,49km. Bisschen Bonusmeter müssen sein.

Trinken.

Schuhe aus.

Kalt abspülen.

Herrlich. Ah, oh keinen Krampf riskieren.

Ich war glücklich.

Mein Fazit:

Es war eine mentale Prüfung. Die Strecke war unerwartet herausfordernd. Mit sich alleine zu sein und sich alleine weiter durchzukämpfen, ist nicht einfach.

Was ist schon einfach. Ich wollte es so. Es war eine tolle Erfahrung. Es hat mir gezeigt, dass man nicht unbedingt einen Wettkampf braucht. Mich hat dieses Abenteuer ermutigt, in Zukunft ähnliches zu unternehmen.

Man kann abschalten, ist auf sich gestellt und erlebt mal ganz anders, wie sonst im Alltag. Ich kann jedem nur raten, so etwas mal zu probieren. Es müssen nicht gleich 59km sein. Wenn für dich 15km unerreichbar sind, probier es.

Egal, ob du zwischendurch mal gehst oder wanderst. Nimm dir einen halben Tag Zeit und erreiche dein Ziel. Du kannst das!

Wer nun noch ein Bier und Chips parat hat, dem empfehle ich mein oben beschriebenes Lauferlebnis in Dänemark als Video nachzuerleben. Ich habe mich natürlich während den 7h gefilmt.

Viel Spaß beim Gucken!

Das Video: https://www.youtube.com/watch?v=Ba2_aQAtSzY

Philipp

Unbezahlte Werbung (Nennung von Veranstaltung und Marken)

(unbezahlte Werbung wegen Verlinkung und Nennung der Veranstaltung sowie Marken)

P.S.: Du hast auch eine spannende Laufgeschichte zu erzählen? Schreibe mir eine Mail an: derturnschuhheizer@gmail.com und vielleicht wird diese hier auf dem Blog veröffentlicht!

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